10.08.2020

Heiko Kamann

Heiko Kamann

The American Years

Yellow Snake Records (2020)

Amerika ist ein großes, weites Land mit unterschiedlichen Staaten, Landschaften, Städten, Menschen, Mentalitäten und Kulturen. Der hannoversche Musiker und Komponist Heiko Kamann hat dort zeitweise gelebt und das Land umfassend bereist. Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse beschreibt er auf seinem neuen Album „The American Years“. Ein Storytelling-Songwriter-Album mit zehn Songs, die ihren Raum irgendwo zwischen Kurzgeschichten und Momentaufnahmen zu haben scheinen. Eingebettet in atmosphärisch stimmungsvolle Kompositionen zwischen Roots-Rock, Blues, Folk, und Country, klanglich angenehm retro Lo-Fi.

Manchmal beflügelt es die Fantasie ungemein, wenn man sich keinen Roadmovie im Kino anschaut, der einen kreuz und quer durch Amerika schickt. Das rein akustische Erleben in Form eines Musikalbums, wie es Heiko Kamann mit „The American Years“ veröffentlicht hat, lässt einen noch viel tiefer eintauchen in kleine Orte, große Städte, lässt einen mitreisen in quietschenden, ruckeligen Zügen, in Überlandbussen.

Man spürt zeitweise eine schwüle Hitze, die brennende Sonne, lauschige Nächte, hat den Geschmack von Whiskey, Tequila und Bier ebenso im Mund wie den Geruch von verrauchten Clubs und Kneipen in der Nase. Irgendwo in der Provinz oder vor der mächtigen Silhouette der Metropole New York bei Tag oder umgeben von den gleißenden Lichtern der Stadt, tief in der Nacht.

Einige amerikanische Künstlerinnen und Künstler schaffen es, ihre Geschichten musikalisch so in Szene zu setzen, dass man die beschriebenen Stimmungen und die Atmosphäre der jeweiligen Orte, an denen sie geschehen sind, förmlich spürt. Ryan Adams kann das, Bob Dylan ebenso, Joni Mitchell, Jackson Browne 1977 mit seinem „on-the-road-Album“ „Running On Empty“, The Band und noch einige andere. Und auch Heiko Kamann gelingt es, mit seinem Album musikalisch-atmosphärisch das gewisse Etwas herauszukitzeln.

Die Songs sind bewusst schleppend, laid-back gespielt, das Zusammenspiel wirkt ein bisschen wie ein endloser Jam von Musikerinnen und Musikern, irgendwo auf einem Güterwagon, in einer nur noch von den letzten Stammgästen besetzten Kneipe, in der in einer Nacht von Montag zu Dienstag gegen drei Uhr in der Früh doch noch Unbekannte aufkreuzen und schnell zu Freunden werden. Akustik-Gitarren, mal ein Piano (unter anderem von Ecki Hüdepohl), ein weich-warmes Saxofon (von Hartmut Brandt), ein Cello (von Rabea Bollmann) und hier da dezent programmierte Drums geben den Rahmen für den intensiven Gesang von Heiko Kamann. Der Charme dieses Gesamtsounds liegt im bewusst Unperfekten, in der Lässigkeit, sich an Instrumenten und Mikrofonen analog gehen und treiben zu lassen und dabei den Zuhörer mitzunehmen, wenn er denn möchte.

Am Anfang und am Ende stehen Interpretationen von zwei Fremdkompositionen: „America“ von Paul Simon und „People Have The Power“ von Patti Smith. Der Refrain mit seiner Ohrwurmmelodie lässt nicht nur diesen Song lange nachklingen.

Andreas Haug
(7 / 10 Pkt.)

Mehr: www.heikokamann.de

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