05.06.2020

Hayley Williams

Hayley Williams

Petals For Armor

Atlantic Records, WEA International (2020, CD, LP, digital)

Als Hayley Williams als Teenager mit ihren Freunden die Band Paramore gegründet hat, hätte sie sich wohl nie vorstellen können, einmal eine Solokarriere zu starten. Von Anfang an stand für sie fest - sie will in einer Band spielen. Das machte sie auch Labels klar, die nur sie ohne ihre Freunde unter Vertrag nehmen wollten. Über 15 Jahre später ist es dann doch irgendwie passiert: Mit „Petals For Armor“ hat die heute 31-Jährige Anfang Mai ihr Solodebüt veröffentlicht.

Bereits mit dem aktuellen Paramore-Album „After Laughter“ hat sich die Band in poppige Gefilde bewegt. Mit „Petals For Armor“ geht Hayley Williams noch weiter in diese Richtung und hat sich unter anderem von Sade, Björk, Solange, Yeah Yeah Yeahs und James Blake, aber auch von Radiohead und Rufus & Chaka Khan inspirieren lassen. Daraus entstanden ist ein Cocktail aus süßen und gleichwohl bitteren und sauren Geschmacksrichtungen nach Hayleys ganz eigenem Rezept.

Aus „Petals For Armor“ stechen besonders „Dark Horse“, „Simmer“, „Cinnamon“ und „Sugar On The Rim“ heraus, vielleicht weil sie am eingängigsten oder interessantesten sind.

Vor allem ihre Scheidung von Ex-Mann und New-Found-Glory-Gitarrist Chad Gilbert, aber auch andere persönliche Ereignisse wie Verlustängste („Leave It Alone“), Freundschaft („My Friend“), Weiblichkeit („Roses/Lotus/Violet/Iris“), Lust („Sudden Desire“) und eine neue Liebe („Taken“) verarbeitet die Sängerin in 15 sehr persönlichen Songs. Mal mit scharfer Zunge wie in „Simmer“, mal ruhig wie in „Leave It Alone“ oder „Why We Ever“, mal sehr tanzbar wie in „Dead Horse“ und „Pure Love“. Letzterer hält bemerkenswerte Lyrics bereit: „Every morning I wake up from a dream of you holding me... underwater“.

Die Zeile, die viele Fans besonders aus den Socken gehauen hat war:“I got what I deserve, I was the other woman first“. Sie scheut sich nicht, ihr Innerstes nach außen zu tragen und ihre rohsten Gefühle mit der Welt zu teilen - und sind sie noch so schmerzhaft. Dabei badet sie nicht in Selbstmitleid, sondern setzt sich damit sehr selbstreflektiert auseinander. Auch in Interviews spricht Hayley Williams offen über ihre Depression und, dass sie sich in Therapie befindet.

Sich so verletzlich zu zeigen beweist Mut und Stärke. Die Geschichten und Lektionen, die sie in ihren Songs verarbeitet, werden sicherlich vielen Menschen helfen, die ähnliche Dinge durchleben. Wie sie es selbst treffend ausgedrückt hat: „Die Geschichten sind nun nicht mehr meine. Passt gut auf sie auf".

Ihre Geschichten hat sie in ausdrucksstarken, konzeptionellen Musikvideos bildlich umgesetzt. Auch die wecken die Neugier auf das Album und lassen viel Raum für Interpretationen. Die Entscheidung, das Album in drei Teile einzuteilen und nacheinander zu veröffentlichen, ergibt inhaltlich Sinn. Der Prozess von unverarbeiteten Gefühlen zu mehr Selbstakzeptanz erstreckt sich über das gesamte Album.

Auch wenn manche Sounds wie zum Beispiel in „Creepin'“ oder „Cinnamon“ recht gewöhnungsbedürftig sind, ist es schön, zu hören, wie experimentierfreudig Hayley mit Paramore-Bandkollege Taylor York als Produzent waren. Auch wenn Paramore mit „After Laughter“ schon neue poppigere Wege gegangen ist, ist der Sound im Vergleich zum rockigeren Paramore-Sound der ersten Alben durchaus überraschend. Was naheliegt, denn es liegen 15 Jahre zwischen dem Paramore-Debüt „All We Know Is Falling“ und ihrem Solo-Debüt „Petals For Armor“. Zugegeben, manchmal wünscht man sich als Fan der ersten Alben hin und wieder mehr E-Gitarren. Das Album ist aber in sich schlüssig.

In Songs wie „Watch Me While I Bloom“ und „Sudden Desire“ beltet sie teils auch wieder wie man es von ihr gewohnt ist. Es ist spannend zu hören, wie sich die Songs anhören, wenn sie das Steuer übernimmt und sich vermehrt an den Instrumenten ausprobiert, auch wie sie Hilfe von Taylor York und Zac Farro hatte. An diesem Projekt ist sie merklich weiter gewachsen und hat es als Dünger genutzt, um sich aus der Dunkelheit zu graben, sodass sie hoffentlich bald wieder in voller Blüte strahlen kann. Ein erfrischendes Detail ist, dass die Sängerin sich nun traut, in ihren Songs zu fluchen. Teenage-Hayley wäre sicher stolz auf dieses Album.

Lisa Eimermacher
(8 / 10 Pkt.)

Mehr: www.petalsforarmor.com