13.02.2020

Nathan Gray

Nathan Gray

Working Title

End Hits Records (2020, 2xCD & DVD, LP, Digital)

Deutlich hoffnungsvoll, optimistisch, kraftvoll und lebenbejahend präsentiert sich das aktuelle Solo-Album „Working Title“ vom Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray. Wer seine Vorgängeralben kennt, weiß, wie viel Schmerz darin zum Ausdruck gebracht wurde. Dass er sich von den Dämonen seiner Vergangenheit endlich losreißen will, um stattdessen mit positiven Blick nach vorne zu gehen, merkt man den insgesamt 13 neuen Songs an. Dabei verleugnet er das Geschehene keinesfalls, sondern erkennt es als Teil seiner persönlichen Geschichte an, die ihn zu dem Menschen macht, der er heute ist.

Den Albumtitel „Working Title“ einfach wortwörtlich als „Arbeitstitel“ zu benennen ist eine interessante Wahl. Ein künstlerisches Werk wie ein Album bekommt einen offiziellen Titel, sobald es abgeschlossen ist. Sich selbst vergleicht der Künstler in gewisser Weise mit dem Projekt, das noch ein bisschen Arbeit vertragen kann. Jeder Mensch ist im Grunde „work in progress“, denn niemand ist perfekt. Dieses Konzept passt gut zu dem, was Nathan Gray zum Beispiel in „I'm a Lot“ besingt: „Well I’m a lot but I’m less than I was in all the right ways“.

Dieser brutal ehrliche Weg zur Selbstfindung und Selbstoptimierung kann auch befreiend sein, wie der Sänger bereits im Opener „In My Defense“ ausdrucksstark formuliert: „Because freedom is the mercy you give to yourself when you stumble and then rise up ten times stronger than you fell“.

Zum ersten Mal hat sich Nathan Gray erlaubt, das Potenzial seines Solo-Albums mit der Verstärkung durch eine vollständige Band auszuschöpfen. So sind zum Beispiel Chris Rakus, Boysetsfire- und The Casting Out-Kollege, und Ben Christo von Sisters of Mercy dabei, der ihn bereits bei den Solo-Live-Shows der vergangenen Jahre an der Gitarre unterstützt hat. Für den Titelsong „Working Title“ steuert Chuck Ragan von Hot Water Music gesangliche Unterstützung bei. Becky Fontaine und Elyse Mitchell leihen dem Album ebenfalls ihre Stimmen.

Beim treibenden, fröhlichen „The Markings“ wird man sofort gedanklich zu einer Dave-Haus-Show transportiert, sobald der Refrain einsetzt. Voller Hoffnung, gutem Zuspruch und Bestimmtheit, sich selbst und andere Leidensgenossen zum Aufstehen zu motivieren, ist „No Way“. Eine Kampfansage gegen das Aufgeben.

Besonders heraus sticht „Refrain“. Der sanfte Gesang von Nathan Gray wird von der reduzierten Instrumentalisierung, bestehend aus Cello und Piano, unterstrichen. Der Sänger scheut sich nicht davor, seine sensible Seite zu offenbaren und den Hörer dazu zu ermuntern, einen Moment innezuhalten und sich selbst zu reflektieren. Seine tiefe Sehnsucht danach, endlich frei zu sein, aus den Fängen seiner Peiniger und den eigenen inneren Dämonen drückt er im ruhigen „Mercy“ aus.

Eine der wohl wichtigsten Botschaften des Albums, ist dass man in seinem Leid und der Dunkelheit nicht allein ist. „Never Alone“ bringt es auf den Punkt und richtet sich indirekt solidarisch an die LGBTQ-Gemeinschaft.

Nathan Gray ist „Still Here“ und wird uns hoffentlich auch noch lange erhalten bleiben.

Lisa Eimermacher
(8 / 10 Pkt.)

Mehr: www.nathangraymusic.com

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