Lorimer Burst aus Hannover beweisen, dass instrumentaler Post-Rock vielschichtig ist und auch ohne Lyrics viel erzählen kann.

Von musikalischen Ebenen und Schimpansen im All

Lorimer Burst und der Weg zu ihrem Debüt „Dispersion“

09.07.2019, Von: Heiko Mohr, Foto(s): Pressefreigabe/LorimerBurst

Alles andere als alltäglich und fernab des Mainstream: Die noch verhältnismäßig neue Instrumental-Post-Rock-Band Lorimer Burst aus Hannover geht mit ihrem in Kürze erscheinenden Debütalbum „Dispersion“ an Genre-Grenzen und eröffnet dem Zuhörer die eine oder andere bislang unbekannte klangliche Welt. Auf der Bühne inszenieren Gitarrist Dennis Schruhl, Bassist Matthieu Fabien und Schlagzeuger Arne Grosser ihre Shows auch gern mit zusätzlichen Lichtinstallationen und visuellen Effekten. Heiko Mohr hat Lorimer Burst besucht und einiges über den bisherigen Entwicklungsprozess der Band und ihr künstlerisches Konzept erfahren.

Ich treffe mich mit Gitarrist Dennis Schruhl und Bassist Matthieu Fabien in einem Proberaum-Komplex in Hannover-Leinhausen. Dennis erzählt, wie sich Lorimer Burst vor zwei Jahren aus Resten der Band Blakvise gegründet hatte. Arne Grosser, der Drummer und Dennis hatten sich damals getroffen um einfach wieder Musik zu machen. Es gab keine Genre-Vorgabe. Auf der Suche nach einem Bassisten trafen sich dann die Wege von Arne, Dennis und Matthieu, der in den Rockszene.de Kleinanzeigen nach anderen Musikern gesucht hatte.

Matthieu, eigentlich Gitarrist in der Hardcore-Band Ablate Heaps, suchte etwas Abwechslung und ein zweites Tätigkeitsfeld als Bassist. Bereits die beiden Demos, die dem Bass-Bewerber damals ausgehändigt wurden, als auch die Aufnahmen der vorherigen Band Blakvise, wurden schon von Willi Dammeier im Institut für Wohlklangforschung aufgenommen. Die Band hatte also schon eine große Verbindung zu Produzent und Studio, so war es naheliegend, auch das Lorimer-Burst-Debüt dort und in ähnlicher Konstellation zu produzieren. Niklas Goltermann zeichnete für das Recording verantwortlich.

Die Songs auf „Dispersion“, wie auch schon die der beiden vorigen EPs „Alpha“ und „NGC36“, sind ausnahmslos aus Jam-Sessions entstanden. Einige Songideen wurden weiter ausgefeilt, manche Parts fielen raus, manche wurden angepasst. „Am Anfang hatten wir Bedenken wegen der Sprachbarriere als Matthieu dazukam. Er ist gebürtiger Franzose und lebt erst seit einigen Jahren in Deutschland. Wir mussten aber feststellen, dass wir sehr wenig reden beim Proben und uns hauptsächlich über die Musik verständigen“, erklärt Dennis. „Manchmal gibt es schon Sprachbarrieren, aber dann eher, wenn die Saitenfraktion versucht mit dem Schlagzeuger zu kommunizieren“, lacht Dennis.

So entwickelte sich seit Anfang 2018 eine organische Mischung aus eigenständigen Songs. Auch der Bandname wurde in diesem Zeitraum festgelegt und im März 2018 ging es mit dem ersten Material an die Öffentlichkeit. Im Juni letzten Jahres spielten Lorimer Burst ihre erste Show als support von Driven By Clockwork im LUX. In dieser Phase sind auch die meisten Songs des aktuellen Albums entstanden. Einige weitere wurden dann Stück für Stück ergänzt. „Zu dritt zu proben, macht das Improvisieren und die Kommunikation einfacher. Die Wege sind kurz und über vieles muss man gar nicht reden“, lässt mich Dennis wissen.

Die Möglichkeiten instrumentaler Musik

Wer die bereits veröffentlichten Songs der Band gehört hat, dem ist aufgefallen, dass eine typische Ebene fehlt. Der Gesang. Lorimer Burst spielt rein instrumental. Anfangs hatten sie es mit Sänger probiert, aber nach einigen Proben hatte man sich dafür entschieden, das Projekt zu dritt und eben rein instrumental auf-und auszubauen. Die Idee dahinter erklärt Dennis wie folgt: „Der Gesang ist einfach nur eine Ebene, die man auch anders erzeugen kann. Der Gesang ist meistens ganz vorne und ohne Gesang fängt man an zu merken, was man mit Musik überhaupt alles machen kann, um die fehlende Ebene zu füllen. Wir fühlten uns unter anderem von Filmmusik inspiriert, deren Aufgabe es oft ist, auch ohne Gesang Atmosphäre zu schaffen. In diesem Zusammenhang bekommt auch die Idee, das Soundmaterial mit Elektronik und Visuals zu ergänzen, mehr Gewicht.“

Elektronische Klangerzeuger zu nutzen, stellt eine weitere Ebene dar, die der Musik von Lorimer Burst ihren einzigartigen Charakter gibt. Um die elektronischen Elemente auch live umsetzen zu können, spielt die Band mit Klick über In-Ear-Monitoring. Es werden allerdings keine vorgefertigten Synthesizer-Spuren abgespielt. Alles was in den Songs elektronisch passiert, wird auch live so gespielt. Ohne Backingtrack vom Band. „Wir haben auf dem Album noch verschiedene Klaviere, die ein Freund von uns eingespielt hat. Wir überlegen noch, wie wir das live umsetzen“, so Dennis. „Wir mögen es nicht, wenn Songs vom Band kommen. Man kann dann schlecht improvisieren und ist irgendwie gefangen“, erklärt er weiter.

Ohren und Augen kombinieren – Eine weitere Ebene

Wie bereits in ihrem 2018 erschienenen Video zum Song „Leonids“ (Wir berichteten) eindrucksvoll gezeigt, möchte die Band ihre Musik mit Visuals und Lichtinstallationen ergänzen.

Wie Musik, visuelle Effekte und Lichtinstallationen geschickt miteinander korrespondieren und zu einer Einheit verschmelzen, hatte die Band mit ihrem Video zu „Leonids“ demonstriert (Wir berichteten).

Hierfür haben sie die italienische Video- und Visual-Effekt-Künstlerin Francesca Bonci gewinnen können. „Es ist gar nicht so einfach einen Visual-Artist zu finden, der Teil des Projektes sein möchte und Spaß daran hat mitzuwirken. So haben wir lange gesucht und dann in Italien die Francesca gefunden“, so Dennis.

Die Zusammenarbeit hat auf Anhieb geklappt. „Mit ihr haben wir dann das Video zu „Leonids“ im Open Space gefilmt und es wurde ein First-Take. Wir haben das vorher nicht geprobt und wussten nicht, ob das funktioniert oder nicht. Aber als wir aufgebaut hatten und die Visuals liefen, war es genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Für normale Live-Shows ist der Aufwand und die Planung zu groß, um bei jeder Show auch die Visuals einsetzen zu können. In diesen Fällen steht die Musik absolut im Vordergrund. Aber wer weiß, was noch kommt? Wir warten mal ab, wie die Platte ankommt und wie sich alles entwickelt“, erklärt Dennis weiter.

Was die Fertigstellung des Debütalbums „Dispersion“ und die weiteren Aktivitäten angeht, setzt die Band im Prinzip auf D.I.Y., macht so gut wie alles selbst. Man wolle sich mit niemandem darüber streiten, was gemacht wird und was nicht. Darüber hinaus gibt es Unterstützung aus einem Netzwerk von Freunden und Bekannten, die in der hiesigen Musik-und Medienszene über teils langjähriges Know-How verfügen. Da ist neben dem Studio-und Produzenten-Team etwa Line Pengel, die sich um das Booking von Shows für Lorimer Burst kümmert. Die Cover-Zeichnung für das Album hat Hanna Verwohlt, eine gute Freundin der Band, im Vietnam-Urlaub entworfen. Christian Bröhenhorst von CrudeArt, hat es digital umgesetzt und zum Cover Artwork weiterentwickelt.

Es gab einige Gespräche mit Labels, aber da die Band sehr klare eigene Vorstellungen hatte, was unter anderem das Medium der Veröffentlichung und den Sound angeht, haben sie sich dafür entschieden, die Platte selbst zu veröffentlichen. Auf Vinyl. „Wir sind selber Vinyl-Konsumenten und wollten unter allen Umständen unsere Platte auf Vinyl haben“, schwärmt Dennis.

Die Magie des Moments und Eigendynamik

Das neue Album wurde innerhalb von fünf Tagen im Institut für Wohlklangforschung von Willi Dammeier und Niklas Goltermann produziert. Insgesamt hat die Produktion etwa zwei Wochen gebraucht. Größtenteils wurden alle Songs, die es bis dato gab, aufgenommen und durch zwei weitere, neuere Songs ergänzt. Vorerst war der Band noch nicht klar, ob es vielleicht doch nur eine EP werden sollte. Es kristallisierte sich aber sehr schnell heraus, dass es ein ganzes Album werden musste.

„Die Arbeit im Studio entwickelte schnell eine Eigendynamik und es kam ein sehr eigenständiger Sound dabei heraus. Michail Turanski, der die Klavier-Parts eingespielt hat, wusste auch nicht, auf was er sich einlässt. Er kannte zwar die Songs, wir hatten aber vorher nicht geprobt und alles entwickelte sich ganz organisch während des Aufnahmeprozesses. Micha bewegt sich eher in der Jazz-Szene, also wussten wir, dass er das gut hinkriegt. Im Endeffekt, hat er fast ausnahmslos First-Takes abgeliefert“, so Dennis.

Eigene Assoziationen wecken

Auf meine Anmerkung hin, dass es ohne Gesang und Text ja schwierig sei, adäquate Songtitel zu finden, lacht Dennis und erklärt, dass sie alle leidenschaftliche Science-Fiction-Fans seien und Songtitel zu finden, nicht im Geringsten ein Problem darstelle. So wie im Fall von „Antares IV“. Die Vier im Songtitel beschreibt nicht etwa eine Galaxie oder etwas ähnlich Abstraktes, sondern markiert schlicht den Monat, in dem der Song entstanden ist.

„Antares IV“ , im April entstanden, war gleichzeitig der vierte Song, der von der Band geschrieben wurde. Zudem ist Antares ein Sternbild, welches gerade im April gut zu beobachten ist.  „Wir wollen aber keine Interpretationen für irgendwas vorgeben. Es soll jeder selber reinhören und seine eigenen Assoziationen zu den Songs entwickeln. Wir finden es viel besser wenn unsere Musik es schafft, bei den Hörern eigene Interpretationen entstehen zu lassen. Wenn das passiert, ist es das schönste Kompliment für uns“, macht Dennis klar.

Bei „The Flight Of Ham“ allerdings, ist die Story von vornherein etwas klarer. Hier geht es um den Schimpansen Ham, der von der NASA in den Weltraum geschickt wurde und sowohl als Held gefeiert, aber auch Opfer dieses Experiments wurde. Der Song an sich war ursprünglich sehr lang und bestand aus zwei unterschiedlichen Teilen. Hier hat die Band sich dazu entschieden, den Song in zwei Stücke aufzuteilen, Part I – Der Held und Part II - das Opfer. Das alles macht klar, was sich die Band bei der Vergabe der Songtitel so denkt und wie sie es schafft, auch hier noch eine Extra-Ebene zu schaffen.

Das Debüt-Album „Dispersion“ ist ein experimentelles, ja fast schon psychedelisches Stück Post-Rock, das zum akustischen Verweilen einlädt. Zur Veröffentlichung der Platte laden Lorimer Burst am 13. Juli zur  Releaseshow ins Open Space an der Fössestraße in Hannover-Linden. Francesca Bonci wird dabei das Konzert live mit Visuals und Lichtinstallationen begleiten. Support gibt es von Nthirteen, ein Ambient, Lo-Fi- Electro- Act aus Erfurt. Am 11. August eröffnen Lorimer Burst in Hannover den dritten Tag des diesjährigen Fährmannsfestes auf der dortigen großen Musikbühne.