David Friedrich konzipierte eine App für die selbstständige Organisation von Gigs oder gar ganzen Tourneen.

Die lodernde Flamme für die Musik

Im Interview mit App-Konzepter David Friedrich

15.06.2019, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sophie Schwarzenberger

Wenn man als junger Musiker einen Gig oder gar eine kleine Tour organisieren will, dann hat man nicht selten das Telefon genauso oft in der Hand wie das eigene Instrument. „Als ich für meine damalige Band eine Tour mit 20 Konzerten vom Standpunkt Null aus organsiert habe, musste ich etwa 500 bis 600 Mails schreiben“, erinnert sich David Friedrich. Aus dieser und anderen Erfahrungen heraus entwickelte der gebürtige Seesener, der mit seiner Band Exit Inside auch oft in der hannoverschen Musikszene unterwegs war, die App "Tour It Yourself". Wir sprachen mit ihm über die App, sowie "Vitamin B" und "Liveness".

Rockszene.de: Wie ist die Idee für die App entstanden?

David Friedrich: Ich habe selbst lange Zeit Musik gemacht und beispielsweise mit hannoverschen Bands wie Ich Kann Fliegen zusammengearbeitet. Obwohl ich aus Seesen im Harz komme, war der Hannoverbezug immer da. Lange Zeit habe ich sowohl die Tourplanung, als auch die Buchungen und die Promotion selbst gemacht, also alles, was meine Band irgendwie betraf. Das Problem dabei war allerdings, dass ich irgendwann merkte, dass mir die Leidenschaft für die Musik abhanden gekommen war. Nach meiner letzten Tour vor zwei Jahren wollte ich deshalb zwei Monate Pause machen; daraus wurden zwei Jahre und in dieser Zeit begann ich für einen Radiosender zu arbeiten. Im Zuge dessen sah ich eines Abends eine Band aus Hamburg live und stellte fest, dass sie noch diese lodernde Flamme für das Musik machen hatte, die mir zuvor abhanden gekommen war. Durch mein Musik- und Medienwissenschaftenstudium entstand dann die Idee für eine App, die es Independent-Musikern erleichtert, ihre Tour und Konzerte zu planen und diese Idee wurde schließlich vom Unternehmen Digital.Wolff realisiert.

An wen richtet sich die App genau?

Die App richtet sich an Künstler und Independent Musiker, die ihr Booking selbst machen. Die Venues, die man sich in unserer App anschauen kann, reichen in der Regel bis zu einer Kapazität von 300 Personen. Die App hat gewisse Mechanismen, die eine Vorauswahl erleichtern und Mailvorlagen bieten, die man personalisieren kann. Es geht also nicht nur um Künstler, die bereits erfahren sind. Man muss aber auch dazu sagen, dass die App keine großen Agenturen oder freiberufliche Booker ersetzen soll. Wir verstehen es eher als Talentschmiede, in der man aus eigener Kraft erste Buchungen machen kann, um schließlich vielleicht eine Agentur auf sich aufmerksam zu machen.

Aus meiner Erfahrung heraus wollen große Agenturen schon die heißen Musiker haben, die viel Live-Erfahrungen mitbringen, aber diese Voraussetzung schafft man nur, indem man entweder viel Geld in die Hand nimmt oder eben auf Tour geht. Ein freiberuflicher Booker hat mir mal gesagt, dass man, um mit der Musik Geld zu verdienen, mindestens 50 Leute je Stadt zum Konzert bekommen muss. Durch das Abomodell der App hat man dann entweder die Möglichkeit, kostenlos zehn Mails pro Monat zu versenden und auf die Datenbank – allerdings ohne detaillierte Angaben – zuzugreifen oder man kann für zehn Euro pro Monat unbegrenzt viele Mails versenden und alle Venue-Daten einsehen.

Muss man als junger Musiker aber nicht auch ein bisschen Erfahrungen im DIY-Stil sammeln?

Die App nimmt einem zwar ab, jeden Club und die entsprechenden Daten selbst herauszusuchen und auch eine Kontaktaufnahme wird angeboten, aber dennoch muss man selbstständig für relevantes Material oder eine elektronische Bewerbungsmappe sorgen, die man in der vorgenerierten Mail senden kann. Und auch am Ende muss die Band den Gig selbst einfädeln, wenn es um Gagenverhandlungen oder ähnliches geht.

Welche Rolle spielt dann noch der persönliche Kontakt?

Die meisten Clubs oder Venues bitten ja bereits auf ihren Websites darum, dass sie für Bookinganfragen nicht angerufen werden wollen und dann bleibt eben nur noch die Kontaktaufnahme per Mail. Wenn man den richtigen Ansprechpartner herausgesucht hat und die vorgefertigte Mail der App noch mit einer kurzen Biografie und eigenem Material personalisiert, dann gibt man dem ganzen noch eine eigene Note. Erfahrungsgemäß bin ich damit bisher immer gut gefahren.

Wie viele Anfragen schreibt man in etwa, bis man einen Gig organisiert?

Da ist immer abhängig von der Musik, die man macht und dem momentanen Karrierestadium. Als ich für meine damalige Band eine Tour mit 20 Konzerten vom Standpunkt Null aus organsiert habe, musste ich etwa 500 bis 600 Mails schreiben. Sicherlich kann man auch Vitamin B-Konzerte spielen oder sich mit anderen Bands zusammentun, aber für eine Zehn-Tage-Tour habe ich etwa ein halbes Jahr Planungszeit gebraucht. Mit der App, so schätze ich, geht das schon in sieben bis zehn Tagen und ist auch von unterwegs möglich.

Ist das Booking in Eigenregie also immer der bittere Beigeschmack einer Tour?

Es ist in erster Linie natürlich eine Typfrage und wenn das Ding erst mal rollt, dann macht es auch Spaß. Plötzlich knüpft man neue Kontakte, aus denen sich oftmals auch Freundschaften ergeben, aber die Arbeit, die ich damals in das Booking gesteckt habe, war sehr zeitintensiv und erst jetzt – Dank der App – juckt es mich wieder auf die Bühne zu gehen.

Wie empfindest du die Konzertsituation momentan; auch mit genauerem Blick auf Niedersachsen oder Hannover?

In Hannover gibt es Institutionen wie die Faust oder das Café Glocksee, die unglaublich geile Künstler auf die Bühne bringen. Für mich als Außenstehenden, also jemanden, der nicht auf diesen Bühnen spielen konnte oder durfte, ist es unglaublich toll anzusehen und ich denke, dass es in Hannover Räume gibt, die das abbilden. Sicherlich gibt es mehr Bands und Künstler als Venues oder Veranstaltungstage, aber ich denke, dass solche Kulturveranstaltungen wichtig für eine Stadt sind. Außerdem glaube ich fest daran, dass diese Konzert-Kultur wieder zunimmt; dass man also wieder häufiger abends in Clubs geht und sich Künstler oder Bands ansieht. Vielleicht ist es Utopie, aber ich wünsche mir mehr Liveness und man spürt, dass es auch im Festivalbereich neue Ideen und Namen gibt.

Welche Tipps kannst du jungen Bands und Musikern geben?

Zuerst sollte man rechtzeitig mit der Planung beginnen. Die meisten Venues sind bereits drei bis sechs Monate im Voraus ausgebucht, deshalb lohnt es sich, entsprechende Mails frühzeitig zu senden. Außerdem sollte man bloß keine Musik oder Bilder direkt in der Mail senden. Wenn man Material hinzufügen möchte, dann eher über Links, die zu einem Online-Sammelort führen oder man sortiert die entsprechenden Links direkt in der Mail. Auch ein elektronisches Presskit, also eine Art Bewerbungsmappe kann da hilfreich sein. Zuletzt sollte man versuchen, gleich den richtigen Ansprechpartner zu kontaktieren. Am besten stellt man sich selbst und seine Position oder Aufgabe in der Band kurz vor und schreibt dann noch eine Hand voll Sätze zur Band und was man plant.

Nachhaken würde ich nach zehn bis zwölf Tagen, je nachdem, was der Club auf seiner Homepage dazu schreibt, denn einige Venues weisen auch darauf hin, dass keine Antwort einer Absage gleichkommt; nicht aus persönlichen Gründen, sondern aus Zeitmangel. Manchmal sollte man, meiner Meinung nach, aber auch einfach mit dem zufrieden sein, was man bereits organisiert hat und nach vorne blicken, denn wenn sich der eigenen Name bei Venues einprägt und man gute Erfolge vorweisen kann, dann kommt oftmals doch noch eine Zusammenarbeit zustande.