Myrath-Frontmann Zaher Zorgati (Mitte) sprach mit uns über die Musikszene in seinem Heimatland und den Entstehungsprozess der Songs des neuen Albums "Shehili"

„Das ist erst der Anfang!“

Im Interview mit Zaher Zorgati von Myrath

13.05.2019, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Nidhal Marzouk

Dass Rock und Heavy Metal-Musik in all seinen Ausprägungen in allen Ecken der Welt zu Hause ist, das beweisen unzählige Bands immer wieder auf’s Neue. Die fünfköpfige Progressive-Metal-Band Myrath stammt aus Tunesien. Im Jahr 2001 gegründet, orientieren sich die Musiker besonders an den kulturellen Ursprüngen ihres Heimatlandes und vereinen so traditionelle Instrumente mit brachialen Melodien und Riffs. Kürzlich haben Myrath ihr Album "Shehili" herausgebracht. Wir haben mit dem Sänger Zaher Zorgati über die Entwicklung der Band und die Herausforderungen für Musiker in Tunesien gesprochen.

Rockszene.de: Wie sieht die Musikszene in Tunesien aus?

Zaher Sorgati: Sie unterscheidet sich in jeglicher Hinsicht deutlich von der europäischen Szene. Hier in Tunesien haben wir keine konkrete Plattform für die Art von Musik, die wir als Band machen. Es ist schwer, einen normalen Gig oder gar ein Festival zu organisieren, vor allem im Metal-Genre. Es gibt sozusagen einen Mangel an Metal-Bands, aber in der Vergangenheit – vor der Revolution – gab es mehr. Durch den Aufstieg der islamischen radikalen Szene ist die Musikszene geschrumpft; du kannst in Tunesien mehr kommerzielle Bands als Metal-Bands finden. Im Moment gibt es – Myrath eingerechnet – nur drei Bands aus diesem Genre und es ist als Rock- oder Metal-Band nicht einfach, eine musikalische Mischung zu erstellen. Zwar bietet der multikulturelle Hintergrund sehr viele Möglichkeiten im Hinblick auf Skalen oder Melodien, aber dies miteinander zu verknüpfen ist schwierig.

Könntest du dir denn vorstellen, einen Tag ohne Musik zu verbringen?

Nein (lacht)! Ich mache jeden Tag Musik und denke, dass es für mich unmöglich wäre, auch nur einen Tag ohne sie zu verbringen. Wir als Band und ich als Einzelperson versuchen unsere Erfahrungen ständig an andere Bands weiterzugeben und sie damit zu ermutigen, ihre eigene Musik zu spielen. Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen, dass wir versuchen, sie zu unserer Religion zu bekehren (lacht).

Bist du immer von irgendetwas inspiriert?

Ja, immer wenn jemand von uns aus der Band eine Idee hat, dann sammeln wir alles auf unseren Laptops oder Smartphones (lacht). Für unser neustes Album haben wir quasi zwei Wochen zusammen mit unserem Produzenten in einem Hotelzimmer gelebt und an all den Ideen gearbeitet. Wir können unsere Musik nicht kalkulieren, sie kommt von Herzen und das Wichtigste für uns ist es, geduldig zu bleiben – so werden wir inspiriert. Wenn das, was du tust nicht direkt aus dem Herzen kommt, dann ist es nur eine Verschwendung von Zeit und Energie und das werden auch die Fans bemerken. Das ist auch der Grund, warum es bei uns so lange dauert, als Band ein Album zu machen. Myrath ist keine Fabrik und wir vergessen niemals, woher wir kommen. Wir haben in einer Garage mit unserer Musik angefangen und das bringt uns immer wieder zurück auf den Teppich.

Eure Songs sind in englischer Sprache – Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, in eurer Muttersprache zu singen?

Wir singen auf Englisch, weil es eine geläufige Sprache ist, die jeder verstehen kann; selbst wenn du dich mit afrikanischen Sprachen nicht auskennst. Ich glaube, dass es wichtig ist, die eigene Muttersprache in das Musik machen mit einzubeziehen, aber das transportieren wir durch die Musik selbst. Wenn du dir Myrath anhörst, dann hörst du sofort, dass wir nicht aus den USA oder Europa kommen.

Wie beeinflussen dann Heimat und die eigenen Wurzeln euren musikalischen Stil?

Tunesien ist ein vielfältiges Land mit mehr als 3000 Jahren Geschichte. Es vereint eine reiche Fülle an Kulturen; ursprüngliche Musik mit Einflüssen aus dem mittleren Osten, aber auch andalusische Elemente. Darüber hinaus findet man auch Musik aus Zentralafrika und anderen Teilen Afrikas in der tunesischen Musik. Als das Land sich dann dem Westen gegenüber geöffnet hat, brachte das nochmals neue Einflüsse. Es ist also eine multikulturelle Musik und gleichzeitig ist es auch ein multikulturelles Erbe.

Was sind deine Träume für die Zukunft?

Wir haben bereits einen ersten Schritt gemacht und ich denke, dass es das Beste ist, noch weiter in die Metal-Szene einzutauchen und sich zu vernetzen. Für mich und all meine Bandkollegen ist die Arbeit mit der Musik etwas, das uns sehr bescheiden macht. Wir schreien nicht: Wir sind die Rockstars! (lacht). Es ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir ein Level erreichen, das uns dazu verhilft, auf Festivals und in wirklich coolen Locations zu spielen. Das wäre ein toller Fortschritt.