Immer in Bewegung und nah am Publikum: Dream-Theater-Sänger James LaBrie

Progressive Hochkultur in der Mainstream-Provinz

Drei-Stunden-Show von Dream Theater in Hannover

19. Februar 2020, Von: Andreas Haug, Foto(s): Lisa Eimermacher

Auweia, was war das denn? Die Progressive-Rock-und –Metal Weltstars von Dream Theater besuchten am gestrigen Dienstagabend Hannover, spielten ein über alle Zweifel erhabenes, dreistündiges, musikalisch-ästhetisches Super-Konzert in der Swiss Life Hall, das allerdings nur ein paar Hundert Besucher sehen und hören wollten. Dieser verhältnismäßig kleine, aber feine Kreis aus Musikkennern, Dream-Theater-Fans und aufgeschlossenen Musik-Kulturliebhabern zeigte sich über weite Strecken der Show zufrieden bis begeistert.

Der Artikel wurde aktualisiert, 19.2.2020, 17.40 Uhr

Man muss zunächst einmal ganz tief Luft holen, wenn man die Swiss Life Hall am heutigen Dienstagabend betritt. Die Halle ist durch Absperrungen und das Abhängen mit Vorhängen schon sehr stark verkleinert worden, dennoch ist ein Drittel der Sitztribüne unbesetzt. Unten im Innenraum ist auch sehr, sehr viel Platz und Luft. Zunächst nahezu ein gespenstisches Szenario einer sehr schwach besuchten Show wenige Minuten vor Konzertbeginn.

Die sehr intime Szenerie überrascht zunächst, andererseits ist der sehr locker, überschaubar gefüllte kleine Saal-Teil der Swiss Life Hall für Besucher sehr komfortabel. Man kommt schnell an Getränke, zur Toilette und dann kann man sich jederzeit direkt, fix und flexibel einen schönen Platz in der Halle suchen, ohne sich ansatzweise irgendwo durchdrängeln zu müssen.

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Dass hier nun  Weltstars an ihren Instrumenten agieren, die im Bereich Rock, Metal und Progressive einen ähnlichen Stellenwert haben wie etwa Real Madrid, CF Barcelona oder Spieler wie Ronaldo, Messi & Co. im Fussball, wissen Kenner und Liebhaber von Dream Theater und ihren Shows.

In Hannover nahezu Exoten

In Hannover drückt sich das allerdings nicht am Publikumsinteresse aus. Zumindest nicht in Zahlen. Wenn es in dieser Stadt im weiten Feld des Rock und Pop hart auf hart kommt, dann ist anscheinend eher Mainstream angesagt. Bands und Einzelkünstler, die man auch aus Funk und Fernsehen kennt. Subkulturell sind es die vielen, langjährig etablierten Drei-Akkorde-Fuck-You-Mittelfinger-hoch-Polit-und- Spaß- Punkrock-Bands, die hiesige Clubs seit Jahrzehnten ausverkaufen. Oder es steht irgendwas mit Rap, HipHop, Saufen und Kiffen auf der Agenda, dann ist der Andrang von Feierwütigen mitunter auch groß.

Bands wie Dream Theater sind da in Hannover nahezu Exoten, ähnlich wie andere Bands des Prog-Rock-Metal-Genres, die auf ihren Tourneen ansonsten vorzugsweise in anderen Städten auftreten. Vielleicht ist aber auch die große Zeit dieser Bands und des Genres auf breiter Ebene schon ein wenig verblasst. Das ist gar nicht schlimm, man muss es einfach zur Kenntnis nehmen.

Über drei Stunden zelebrieren die Progessive-Rock-und –Metal-Virtuosen von Dream Theater hier ihre Show. Ohne Vorgruppe, aber mit einer kurzen Pause zwischendurch. Der erste Teil des Abends ist geprägt von Stücken aus dem aktuellen Album „Distance Over Time“. Geschmackvolle Lichtshow und visuelle Eindrücke von der Videowand unterstreichen die Performance nahezu perfekt.

Liebestragödie im Zustand einer Hypnose

Sänger James LaBrie tigert die Bühne rauf und runter und verlässt dieselbe gefühlt 10-20 Mal, dann, wenn Raum ist für die atemberaubenden Solo-Eskapaden von Gitarren-Virtuose John Petrucci und Keyboarder Jordan Rudess. Im Wechsel oder unisono.

Gegen 21.15 Uhr ist es dann soweit, für das Konzert im Konzert, der kompletten Aufführung des fast 80-minütigen Progessive-Metal-Konzept-Epos „Metropolis Pt. 2 – Scenes From A Memory“. Dream Theater meistern die Präsentation des Werkes vor dem inhaltlichen Hintergrund einer ersonnenen Liebestragödie in einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Brüdern und einer jungen Frau im Jahr 1928, die ein gewisser Nicholas im Zustand einer Hypnose nacherlebt, auf grandiose Art und Weise. Auch der nach dem Ausscheiden von Mike Portnoy vor fast zehn Jahren zunächst von Teilen von Fans und Kritikern skeptisch aufgenommene Schlagzeuger Mike Mangini, spielt dieses historische und von Fans geliebte Werk auf äußerst geschmackvolle Art und Weise.

Für diese Leistung der Band spendet das hannoversche Publikum verdienten und nachhaltigen Applaus. Auffallend viele jüngere Besucher sind in der Halle und auf die Frage von Sänger James LaBrie, wer denn die Original „Scenes From A Memory“ Show anno 1999/2000 noch erlebt hätte, melden sich  nur wenige im Publikum.

Fazit: Ein absolut stimmiges Konzert von Weltklasse-Format für einen verhältnismäßig kleinen aber dankbaren Kreis von Fans und Genießern.


Links:
www.dreamtheater.net
www.continental-concerts.de
www.we-live.agency
www.hannover-concerts.de

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