Inspiriert und intensiv: Colour Haze bei ihrem Konzert in Hannover im MusikZentrum

Ein Gefühl grenzenloser Freiheit

Colour Haze und Monkey3 spielten in Hannover

09. Mai 2019, Von: Andreas Haug, Foto(s): Daniel Junker

Die Besucher, die sich gestern an diesem ungemütlich kühlen, windigen und später verregneten Mai-Mittwoch im MusikZentrum eingefunden hatten, traten so etwas wie eine lange, weite musikalische Reise in Gefilde des gepflegten, ausgelassenen Psychedelic-, Stoner-und stellenweise auch Progressive-Post-Rock an. Die Münchner Band Colour Haze und die aus dem schweizerischen Lausanne stammenden Monkey3 ließen mit ihren künstlerisch individuellen wie speziellen Darbietungen über fast dreieinhalb Stunden das vergessen, was sich draußen vor der Tür in der Realität abspielte.

Monkey3 scheinen es sich, vordergründig betrachtet, relativ einfach zu machen: Die Bühne ist in blaues, zeitweise mit Magenta Tönen versetzt getauchtes Licht gehüllt, die Musiker sind nur schemenhaft zu erkennen, ein Achtel-Synthesizer-Bass leitet in einige Stücke ein, die vollkommen ohne Gesang auskommen. Nebel, visuelle Effekte und Bilder auf einem runden Schirm hinter dem Schlagzeug.

 Die Band ist mit ihrem aktuellen Album „Sphere“ unterwegs und kredenzt dem Hannoveraner Publikum ihre Musik mit Kraft, Wucht und Eleganz. Da ist viel Volumen mit den Keyboard-Flächen, mal sägend-knarzigen Slide-Gitarren und den melodisch-expressiven Soli, die manchen ein wenig vom Gefühl an die von David Gilmour im Kontext von Pink Floyd erinnern könnten.

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Ob man es Post-Rock, Space-Rock oder Psychedelic nennen möchte, spielt hier weniger die Rolle als die Atmosphäre, die Monkey3 hier über fast eine Stunde in die Halle zaubern. Jeder hier hat die Möglichkeit zu dieser Musik einen eigenen Film zu fahren, seinen Fantasien freien Lauf zu lassen und vielleicht auch mal die Augen zu schließen um zu erfahren, wie speziell es sich dann anfühlt, wenn das Stroboskop-Gewitter losbricht und die Blinder-Lights ins Publikum knallen.

So kann sich vielleicht ein Flug durch das Weltall anfühlen. Zunächst harmonisch friedlich, bis dann Meteoriten mit voller Wucht auf das eigene Raumschiff einprasseln. Die Musik hat auch was plötzlich und überraschend Eruptives. Man kann sich nie sicher sein, was als nächstes passiert. Eben noch wandelt man schwelgerisch über eine duftende Frühlingswiese, dann bebt unter einem die Erde und der gerade noch friedlich wirkende Berg am Horizont spuckt tonnenweise Magma.

Man muss das erst mal verarbeiten

Exakt nach 42 Minuten dieser Reise mit Monkey3 wechselt erstmals das Licht. Matt-Gold mit Akzenten in Orange. Lieblich leichte orientalische Klänge fliegen durch das MusikZentrum, bis die Band wieder kräftig Fahrt aufnimmt. Hier mag es ein entfernter Wüstenplanet sein, auf dem man sich befindet und irgendwo wühlt sich bedrohlich ein monströs mutierter Ameisenlöwe aus der Erde, wohl mit der Absicht, alles, was ihm in den Weg kommt, zu verschlingen.

Man muss das erst mal verarbeiten, was Monkey3 hier auf beeindruckende Weise geboten haben und kommt langsam aber sicher in das Konzert von Colour Haze rein. Die Münchner Band, die aktuell ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, ist mit einem Keyboarder verstärkt, der vorzugweise psychedelische 60er-Jahre-Orgel-Sounds anbietet. Eine hervorragende Idee für die Musik von Colour Haze, die eine Spur hippiesk wirkt. Hätte es Colour Haze bereits 1969 gegeben, wäre ein Doppelkonzert mit Santana eine gute Idee gewesen. Bei den ersten Stücken des heutigen Konzerts sind Einflüsse wie diese durchaus hörbar. Alles andere als ein schlechter Ansatz.

Gitarrenspiel, wie es in keinem konventionellen Lehrbuch steht

Schlagzeuger Manfred Mewald spielt mitreißend und enorm aufwändig und ersetzt dabei fast schon den nicht vorhandenen, zusätzlichen Perkussionisten. Philipp Rasthofer bespielt seinen Bass vorzugsweise in den hohen Lagen und Gitarrist und Gründungsmitglied Stefan Koglek, der hier und da auch mal singt, entlockt seinen Fingern ein bluesig-jazz-rockiges Gitarrenspiel so, wie es in keinem konventionellen Lehrbuch steht. Ob Riffs oder Solo-Licks, Koglek entfaltet sich, wie auch seine Bandkollegen, in grenzenlos wirkender künstlerischer Freiheit. Kreativ und ideenreich.

Das Publikum im MusikZentrum lässt sich offensichtlich vollkommen darauf ein, geht zu den Grooves mit, applaudiert begeistert und fühlt sich augenscheinlich pudelwohl. Colour Haze bieten die Musik zum Eintauchen, Träumen, Abfahren oder Wegfliegen, ähnlich, wie an diesem schwül-heißen Freitag im August letzten Jahres beim Fährmannsfest, nur noch eine Spur intensiver.

Die Band führt ihre Stücke in Jams, aber ehe man den Eindruck verspürt, die Musiker verlören sich in ihren Improvisationen und Soli, drehten sich im Kreis, folgen urplötzlich völlig überraschende Harmonie-oder Rhythmuswechsel. Oder beides. Bevor das Ganze droht, eintönig zu werden, entzündet die Band von irgendwoher die nächste Wunderkerze.

Hannover ist für Colour Haze mit schönen Erinnerungen verbunden. In der Frühzeit ihrer Karriere spielte man hier bei einem der legendären Swamp Room Festivals im Béi Chéz Heinz, wie Stefan Koglek sympathisch nostalgisch anmerkt.

Zwischendurch gar nicht mehr richtig anwesend

Bald soll ein neues Colour Haze-Album erscheinen, erste musikalische Eindrücke gibt es bereits heute hier bei diesem Konzert, das gegen halb zwölf dann doch ein Ende findet. Viele machen den Eindruck, als könnten sie diese musikalische Reise noch die ganze Nacht hindurch fortsetzen. Es ist ein gutes Gefühl, das die meisten hier augenscheinlich haben.

Es ist Zeit für den Heimweg. Draußen vor der Halle ist es wieder kalt, es regnet immer noch. Am Tor zum Gelände des MusikZentrums schieben zwei Besucher ihre Fahrräder durch die Nacht und ziehen für sich ein Fazit: „Das hatte schon echt was Meditatives“, sagt die junge Frau und ergänzt: „Ich glaube, ich war zwischendurch gar nicht mehr richtig anwesend.“


Links:
www.colourhaze.de
www.facebook.com/monkey3band
www.livingconcerts.de

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